Jedes Jahr empfängt Sønderborg Entscheidungsträger und Journalisten aus aller Welt – entweder im Rahmen von Studienreisen oder als Teilnehmer unserer Konferenz Rethink Cities Summit. Sie kommen, um mehr über Sønderborgs Weg zu einem CO₂-neutralen Energiesystem zu erfahren, denn unser Rezept für die grüne Transformation hat nicht nur das Potenzial, die Klimaherausforderung vor Ort zu lösen. Es kann weltweit angewendet werden. Es ist Teil unseres Ziels, andere Städte dazu zu inspirieren, ihre eigene Transformation zu gestalten. Gemeinsam können wir einen größeren positiven Einfluss auf das Klima ausüben.
Die Position Sønderborgs als Global Capital of Energy wurde im Jahr 2022 gefestigt, als die Stadt Gastgeberin der Konferenz der Internationalen Energieagentur (IEA) war. Während viele Konferenzen in Sitzungssälen stattfinden, erhielten die Teilnehmer in Sønderborg die Möglichkeit, einige der energieeffizienten Lösungen und Technologien der Stadt hautnah zu erleben – unter anderem durch Besuche in Dänemarks energieeffizientester Ziegelsteinfabrik, auf einer CO₂-neutralen Baustelle sowie auf der weltweit am weitesten fahrenden elektrischen Fähre.
Während der Konferenz nannte IEA-Direktor Fatih Birol Sønderborg „The Global Capital of Energy Efficiency“.
Energieeffizienz spielt eine entscheidende Rolle bei der Lösung der Klimakrise. Die Erkenntnisse der IEA zeigen, dass durch Energieeffizienz ein Drittel der Emissionsreduktionen erreicht werden kann, die für die Erfüllung der Klimaziele des Pariser Abkommens notwendig sind.
Sønderborgs Rezept für die grüne Wende
Reduce
Energieeffizienz ist vielleicht das wichtigste Stichwort in Sønderborgs Rezept für eine kosteneffiziente Dekarbonisierung. Wenn wir weniger Energie benötigen, um die gleiche Leistung zu erbringen, vermeiden wir Energieverschwendung. Heute wird in nahezu allen Sektoren Energie verschwendet. In der Industrie etwa verschwenden ineffiziente Elektromotoren Energie, und die bei der Produktion entstehende Abwärme wird nicht genutzt. Auch in Gebäuden gehen große Energiemengen verloren, weil einfache Maßnahmen zur Überwachung und Steuerung des Energieverbrauchs fehlen.
Auch Elektrifizierung trägt zur Energieeinsparung bei – denn Strom verschwendet in der Regel deutlich weniger Energie als fossile Brennstoffe. Bei benzinbetriebenen Fahrzeugen gehen beispielsweise rund 80 Prozent der eingesetzten Energie verloren. Elektrofahrzeuge hingegen nutzen etwa 80 Prozent der Energie – und verschwenden nur 20.
Der wachsende Bedarf an grüner Energie macht unseren Fokus auf Energieeffizienz umso dringlicher. Wenn wir unseren Energieverbrauch senken, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass unser Bedarf vollständig durch erneuerbare Energien gedeckt werden kann.
Reuse
Da grüne Energie eine knappe Ressource ist, müssen wir sie mit Bedacht nutzen, um das Energiesystem möglichst wenig zu belasten. Das erhöht die Energieeffizienz des Gesamtsystems und führt zu einem günstigeren und gleichzeitig nachhaltigeren Energieverbrauch.
Sektorkopplung ist der letzte entscheidende Hebel zur Dekarbonisierung unseres Energiesystems – denn sie ermöglicht es, abgelehnte oder ungenutzte Energie wiederzuverwenden.
Das mag zunächst technisch klingen. Doch im Kern geht es bei der Sektorkopplung um Menschen und Partnerschaften – darum, gemeinsam zu handeln, Synergien zwischen Sektoren zu schaffen, Energieverbraucher mit -erzeugern zu verbinden sowie Energie umzuwandeln und zu speichern.
In der Region Sønderborg wird derzeit sektorenübergreifend ein integriertes Energiesystem aufgebaut. Dieses ermöglicht es uns unter anderem, überschüssige Abwärme effizient in das Fernwärmenetz einzuspeisen. Das Ziel ist, dass bis 2029 bis zu 40 Prozent unserer Fernwärme aus industrieller Abwärme stammen.
Die Sektorkopplung erfolgt in drei sich ergänzenden Entwicklungsphasen, die schrittweise neue Möglichkeiten für grünen Energieverbrauch in der Gesellschaft schaffen: Wiederverwendung von Abwärme, Elektrifizierung und Power-to-X auf Basis erneuerbarer Energien.
Eine der größten Herausforderungen bei der Dekarbonisierung des Netzes und der zunehmenden Elektrifizierung besteht darin, Angebot und Nachfrage in Einklang zu bringen. Ein ganzheitlicher Blick auf das Energiesystem und die Vernetzung verschiedener Energiequellen durch Sektorkopplung ermöglichen einen flexibleren Einsatz von Strom. So lassen sich Schwankungen zwischen Energieerzeugung und -verbrauch ausgleichen und das volle Potenzial des Netzes ausschöpfen. Dieses Lastmanagement wird besonders wichtig, wenn der Anteil erneuerbarer Energien steigt und die Elektrifizierung voranschreitet.
Die Digitalisierung ist das intelligente Bindeglied, das erneuerbare Energien in Bewegung bringt, Prozesse optimiert und den Energieverbrauch sektorenübergreifend senkt – und so die Dekarbonisierung kostengünstiger macht.
Renewables
So effektiv unsere Bemühungen zur Energieeinsparung und -wiederverwendung auch sind – ein erheblicher Energiebedarf wird immer bestehen. Deshalb ist es entscheidend, dass unser zukünftiger Energiebedarf vollständig durch saubere Energie gedeckt wird – aus Windkraft, Solarenergie, Biogasproduktion sowie grüner Fernwärme anstelle fossiler Brennstoffe zur Wärmeversorgung.
Der wirksamste Weg, eine 100 % grüne Energieversorgung zu sichern, ist die aktive Produktion so großer Mengen wie möglich. Aus diesem Grund betreiben wir derzeit zwei Biogasanlagen in den Ortschaften Kværs und Glansager. Darüber hinaus gibt es ambitionierte Pläne für einen Offshore-Windpark im Kleinen Belt östlich von Als sowie für den Ausbau von Windkraft- und Solaranlagen an Land.
Für eine tiefgreifende Dekarbonisierung ist eine effiziente und nachhaltige Power-to-X-Produktion (PtX) unerlässlich. Eine PtX-Anlage kann überschüssige erneuerbare Energie in Wasserstoff umwandeln und speichern. Auch wenn bei diesem Umwandlungsprozess Energie verloren geht, wird Wasserstoff eine Schlüsselrolle bei der Dekarbonisierung schwer zu elektrifizierender Sektoren spielen – wie etwa der energieintensiven Industrieproduktion, dem Fernschiffsverkehr und dem Langstreckenflugverkehr.
Da die Wasserstoffproduktion in Zukunft massiv auf das Stromnetz einwirken wird, ist ein bewusster und zielgerichteter Einsatz von großer Bedeutung. Damit Wasserstoff nachhaltig produziert werden kann, muss seine Herstellung auf zusätzlich erzeugtem, lokal produziertem Ökostrom basieren. Zudem muss sichergestellt werden, dass die Produktion möglichst effizient erfolgt – etwa durch die Nutzung der entstehenden Abwärme in der Fernwärmeversorgung – und das Stromnetz nicht unnötig belastet wird.
EU-Missionssiegel
Im Jahr 2023 erhielt Sønderborg das EU Mission Label – ein Qualitätssiegel der Europäischen Kommission für den ProjectZero-Masterplan, der den Weg zu einem CO₂-neutralen Energiesystem bis 2029 beschreibt.
Sønderborg gehört zu den ersten zehn Städten Europas, die diese Auszeichnung erhielten – und ist die erste Stadt in Dänemark, der diese Anerkennung zuteilwurde.
Da Städte für mehr als 70 % der globalen CO₂-Emissionen verantwortlich sind und über 65 % der weltweiten Energie verbrauchen, ernannte die EU im Jahr 2022 hundert Klimastädte, die neue Wege für eine grüne Transformation entwickeln sollen – als Vorbilder für die Klimaneutralität bis 2050.
Alle ausgewählten Städte mussten einen Climate City Contract (CCC) mit klaren Zielen und Maßnahmen einreichen. Das EU-Missionssiegel bestätigt, dass dieser Vertrag von der Europäischen Kommission – unterstützt von Fachleuten der EIB und des Joint Research Centre (JRC) – geprüft und genehmigt wurde.
Das Siegel erleichtert außerdem den Zugang zu EU-Finanzierungen sowie zu nationalen, regionalen und privaten Investitionsmitteln.
Europäische Städte tauschen Ideen und Lösungen in Sønderborg aus
Sønderborg Action Plan
Der Sønderborg Action Plan zeigt die zentrale Rolle der Energieeffizienz bei heutigen Energieherausforderungen und dient Regierungen als Werkzeug, ehrgeizige Ziele in konkrete Maßnahmen umzusetzen. Der Plan, ein Ergebnis der IEA-Konferenz in Sønderborg, enthält strategische Grundprinzipien und Maßnahmenpakete zur schnellen Umsetzung von Effizienzpolitiken.
Die Bedeutung der Energieeffizienz im Plan wurde auf der COP28 2022 in Dubai anerkannt, wo sich Regierungen verpflichteten, die jährliche Rate der Energieeffizienzverbesserung bis 2030 zu verdoppeln. Laut IEA-Szenario „Net Zero Emissions by 2050“ muss der Fortschritt von 2 % auf über 4 % steigen.
Berichte zum Weiterlesen:
„The value of urgent action on energy efficiency“ (IEA)
The Sønderborg Action Plan 2022
From Sønderborg to Versailles, 2023
From Versailles to Kenya, 2024
Seit 2022 präsentiert jede globale IEA-Konferenz zur Energieeffizienz neue Toolkits auf Basis des Sønderborg Action Plans, um kontinuierlichen Fortschritt und Innovation zu fördern.
Singapur lässt sich von Sønderborg inspirieren
Bis 2030 soll mindestens jede fünfte Bildungseinrichtung in Singapur klimaneutral sein. Dies ist ein Ziel des Green Plan, mit dem Singapur eine Vorreiterrolle für Nachhaltigkeit in Asien einnehmen möchte.
Die Singapore Polytechnic, eine der größten Hochschulen des Landes, will als nationales Vorbild ihren gesamten Campus klimaneutral gestalten. Das Vorbild stammt aus Sønderborg: ProjectZero. Wir haben eine Partnerschaft für dieses asiatische Leuchtturmprojekt vereinbart.
Das singapurische Pendant zu ProjectZero hat noch keinen offiziellen Namen, wird aber lokal an die Vision aus Sønderborg angepasst. Ziel ist, dass die Singapore Polytechnic als Inspiration und Vorzeigemodell für andere Bildungseinrichtungen dient.
Das Projekt umfasst den gesamten 38 Hektar großen Campus mit Unterrichtseinrichtungen für 12.800 Studierende, Studentenwohnheimen, Geschäften und einem Sportareal mit Schwimmbad und Stadion.
Energie für Europas Industrie
Im Oktober 2024 fand in Sønderborg der Gipfel Powering European Industry statt – als direkte Folge des Berichts „The Future of European Competitiveness“ von Mario Draghi. Branchenführer, politische Entscheidungsträger und Analysten kamen zusammen, um Strategien zur Stärkung der europäischen Wettbewerbsfähigkeit zu diskutieren.
Auf Grundlage von Analysen der IEA, BusinessEurope und Danfoss rückte die Konferenz Sønderborgs ProjectZero als übertragbares Modell in den Mittelpunkt – ein Beispiel dafür, wie Wettbewerbsfähigkeit durch intelligente Energielösungen gestärkt werden kann.
Seine Majestät König Frederik X. von Dänemark eröffnete die Konferenz. Das zentrale Fazit lautete: Investitionen in Energieeffizienz und Elektrifizierung gehören zu den kosteneffektivsten Wegen, um die Energieversorgung zu sichern, Energiekosten zu senken und die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie zu steigern.
Energieeffizienz neu gedacht
Im Vorfeld der Globalen IEA-Konferenz zur Energieeffizienz 2023 betonten Kim Fausing, Präsident und CEO des multinationalen Energiekonzerns Danfoss, und Dan Jørgensen, dänischer Minister für Entwicklungszusammenarbeit und globale Klimapolitik, die Notwendigkeit, Denkweisen und politische Rahmenbedingungen zu aktualisieren – um die Rolle der Energieeffizienz in einem künftigen, auf erneuerbaren Energien basierenden Energiesystem zu stärken.
„Energieeffizienz ist mehr als Verbrauchsreduktion – und wird wichtiger, je schneller die Umstellung auf saubere Energie voranschreitet. Digitale Lösungen wie IoT und KI schaffen die nötige Flexibilität, wenn der Anteil der Erneuerbaren steigt. Elektrifizierung und Sektorenintegration nutzen Energie effizienter und stimmen Angebot und Nachfrage besser ab. Abwärme aus Supermärkten, Rechenzentren, Industrie oder Kläranlagen entspricht in der EU dem gesamten Energiebedarf für Warmwasser in Wohn- und Dienstleistungsgebäuden.“
So äußerten sich Fausing und Jørgensen in einem Meinungsbeitrag für Euractiv, ein unabhängiges paneuropäisches Mediennetzwerk.